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"Ich glaube, wir haben ihn verloren."
Der Chirurg nahm seinen Mundschutz ab und wendete sich langsam zur Seite.
Der Anästhesist und die OP-Schwestern entfernten schweigend die Schläuche der verschiedenen Apparaturen, mit denen ich während der Operation verbunden war.
Ich schwebte unter der Decke des Operationssaals und schaute auf mich herab.
Da lag ich nun - so, wie ich mich noch nie gesehen hatte.
Meine Augen waren geschlossen.
Die große Operationsstelle im Brustbereich hatte man mit einem Tuch bedeckt; die Schalen mit dem blutigen Bestecken - meinem Blut - standen noch neben meinem Körper.
Nacheinander erloschen die Geräusche, die Lämpchen der Apparaturen.
In der einen Ecke unterhielten sich der Professor und die beiden Ärzte leise über die Gründe für meinen Exitus: die Schwere der Verletzung, die lange Zeit zwischen Unfall und der Versorgung, die vielen inneren Blutungen - sie hatten ihr Möglichstes getan...
Obwohl man da über mich sprach - über meinen Tod - interessierte es mich komischerweise nicht mehr.
Ich fühlte mich so frei und schwerelos, dass ich um nichts auf der Welt wieder in meinen Körper zurück wollte.

Ich überlegte gerade wie es kommt, dass ich alles hören und sehen konnte, obwohl ich dort unten leblos auf dem OP-Tisch lag.

Wenn auch vielleicht meine Ohren noch die Geräusche der Umgebung wahrnehmen konnten, meine Augen waren geschlossen - und ich sah trotzdem alles, was dort unten passierte.
Meine Wahrnehmungen waren scheinbar auf meine Seele übergegangen, die jetzt hier oben schwebte, ohne von Jemanden bemerkt zu werden.
Schon sprang mich die nächste Überlegung an:
Wer hörte oder sah?
War es ich, der da unten auf dem OP-Tisch lag, oder ich, der über allem schwerelos an der Decke schwebte.
Scheinbar haben bislang die Organe meines Körpers - also Ohren, Augen Nasen, über das Gehirn die Eindrücke an meine Seele weitergegeben.
Oder war es mein Geist?
War ich jetzt ein Geist und die Seele steckte unsichtbar in mir, wie sie vorher in meinem Körper gesteckt hatte?

Irgendetwas in mir sagte mir plötzlich, dass jedes Lebewesen eine Seele hat und dass das, was wir Menschen mit Geist bezeichnen, die menschliche Seele wie in einem Rucksack mit sich herumschleppt.
Also war die Seele meines Körpers - der jetzt dort unten leblos auf dem Tisch lag - mit meinem Geist, dem Gedächtnis und Wissen von Marc Gregor kumuliert, oder gar infiziert?
Gehörten Geist und Seele untrennbar zusammen und nicht Körper und Geist, oder Körper und Seele?
War der Körper nur eine nützliche Hülle, ein Kokon für die Seele?


Hatte Gott die Körper der Lebewesen nur als Gefäß für die Seele geschaffen?
Fragen über Fragen, die ich noch nicht beantworten konnte, aber Zeit war für mich jetzt ein Begriff ohne jede Bedeutung geworden.
Ich hatte jetzt alle Zeit der Welt (oder des Universums?) um alles zu beantworten.

Was mich wunderte, war: wo sind die anderen Seelen?
Warum haben meine Eltern mich nicht in Empfang genommen, als ich meinen Körper verlassen habe?
Waren sie alle einen langsamen Seelentod gestorben, nachdem ihre Körper zu Staub geworden sind?
Oder trauten sie sich noch nicht, mit mir Kontakt aufzunehmen, solange ich noch in der Nähe meines Körpers war?
Und wo war das helle Licht, in das die Seelen schweben sollten, wie Scheintote oft berichtet hatten.
War ich vielleicht noch nicht tot, sondern nur in einer Art Agonie?

Eine der Schwestern breitete gerade das OP-Tuch über mein (sein) Gesicht und beantwortete damit meine letzte Frage.
Ich war also richtig tot.
Tot.
Dieses Wort - von der anderen Seite der großen Barriere betrachtet - war etwas völlig anderes.