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Am Strand


Wie jeden Abend, wenn ich mit meinem Boot in einem Hafen lag, zieht es mich magisch an den Strand – dort hin, wo keine Menschen sind.
Ich bin allein mit dem Meer.
Gegenüber dem lärmenden Hafenbetrieb, dem Ort, oder dem Blick über die Felder, ist hier eine völlig andere Welt.
Die unendliche Weite der Wasserfläche, die anbrandenden Wellen und die gleichförmige Geräuschkulisse, wenn sie am Strand verlaufen, als wollen sie bis zu den Dünen hinauf kriechen, nimmt mich jedes Mal gefangen.
Diese gewaltige Natur und ich – ich bin ein Teil von ihr – sie schließt mich ein.


Dabei bin ich nur eine Eintagsfliege im Vergleich zum Meer, welches seit Millionen von Jahren im gleichen Rhythmus – mal sanft und leise, mal brüllend und alles verschlingend gegen das Ufer brandet.
Welche Kraft in den Elementen steckt, spüre ich manchmal, wenn ich draußen auf meinem Boot dagegen ankämpfen muss, um nicht unterzugehen.
Trotz der Gefahren zieht es mich aber immer wieder hinaus, um mich mit Wellen und Sturm zu messen.


Heute, hier am Strand, liegt es da, wie schlafend.
Dabei ist die unendlich erscheinende Weite nur ein Bruchteil des Wassers.
Erst wenn man sich ins Gedächtnis ruft, dass es die Tiefen des Ozeans füllt, erkennt man annähernd seine Größe.
Völlig unvorstellbar wird es, wenn man sich ins Gedächtnis ruft, dass dieses gewaltige Meer aus einzelnen Tropfen besteht.
Ich stelle mir dann vor, es verschwindet und langsam beginnt es vom Himmel zu tropfen, bis das leere Becken wieder gefüllt ist.
Braucht es dafür Millionen, oder Milliarden Jahre?


So in meinen Gedanken versunken wandere ich weiter.
Vor mir geht eine Gestalt in gleicher Richtung, aber sehr langsam, denn ich komme schnell näher und sehe, dass es eine Frau mittleren Alters ist.
Auch sie geht wie ich, scheinbar in Gedanken versunken und schaut aufs Meer.
Als ich sie eingeholt habe, passte sie – nach einem kurzen, prüfenden Blick auf mich – ihre Geschwindigkeit der meinen an.
Ohne ihre Augen vom Meer abzuwenden, fragte sie mich, ob sie mich ein Stück begleiten dürfe.
Ich erwartete nun ein längeres Gespräch, denn warum sollte sie sonst mit mir gehen wollen.
Aber nichts geschah.
Nachdem wir so eine Weile schweigsam unseren Weg fortgesetzt hatten, blieb sie stehen und sagte mit einem Lächeln: „Danke, dass ich mit Ihnen eine kleine Weile zusammen schweigen durfte.
Manchmal überwältigt mich der Anblick des Meeres so, dass ich froh bin, jemanden an meiner Seite zu wissen, damit ich mich nicht so verloren fühlen brauche,“ sprachs und ging mit langsamen Schritten auf die Uferböschung zu.
Ich blieb in meine Gedanken versunken stehen und sah auf die Wellen.
Plötzlich fröstelte ich etwas – ich fühlte jetzt auch dieses Gefühl der Verlorenheit – so allein mit dem Meer…